Ein halbes Jahrhundert lang blieben die Gemälde von Shuji Hijiya der Öffentlichkeit verborgen. Nun zeigt die Galerie Mutare in Berlin-Charlottenburg zum ersten Mal seit fünfzig Jahren eine umfassende Auswahl seiner Arbeiten. Die Ausstellung trägt den Titel „Innige Landschaften“ und ist bis zum 17. Januar zu sehen. Sie umfasst Werke aus unterschiedlichen Schaffensphasen, die bisher nie gezeigt wurden. Hijiya, der 2018 in Berlin starb, zählt zu den außergewöhnlichsten japanischen Künstlern seiner Generation. Sein Atelier in Berlin blieb bis zu seinem Tod verschlossen.
Inhaltsverzeichnis:
- Shuji Hijiya in Tokio und Yokohama
- Studien in Wien und Rückzug nach Schleswig-Holstein
- Fachwerkhäuser und Landschaften aus der Holsteinischen Schweiz
- Brückenschlag zwischen Ost und West
- Nachlass und Ausstellung in Berlin
Shuji Hijiya in Tokio und Yokohama
Shuji Hijiya wurde 1942 im japanisch besetzten China geboren. 1946 kehrte er mit seiner Familie in das vom Krieg zerstörte Japan zurück. Zunächst begann er ein Soziologiestudium in Tokio, doch schon bald wandte er sich der Malerei zu. In Yokohama bildete er sich autodidaktisch weiter und entschied bewusst, sich von der traditionellen japanischen Ästhetik zu lösen. Stattdessen richtete er seinen Blick auf die westliche Kunst.
Seine Werke zeigen Einflüsse von Sandro Botticelli, Paul Cézanne und Arnold Böcklin. Auf einem seiner Bilder streut eine Frau Blumen, eine offensichtliche Anlehnung an Botticellis „Primavera“. Ein anderes zeigt einen mit Früchten beladenen Tisch, der an Cézannes Stillleben erinnert. Arnold Böcklins „Toteninsel“ verwandelte Hijiya in eine schillernde, von Fantasie durchzogene Landschaft. Wer sich für ähnliche kulturelle Brückenschläge interessiert, findet in Berlin viele Orte mit japanischem Flair – mehr dazu hier.
Studien in Wien und Rückzug nach Schleswig-Holstein
Mitte der 1960er Jahre verließ Hijiya Japan und reiste nach Europa. In Wien war er Gasthörer an der Kunsthochschule. Diese Zeit vertiefte sein Verständnis für den westlichen Malstil und prägte seine künstlerische Entwicklung. Schließlich zog er sich nach Norddeutschland zurück und lebte jahrzehntelang in einem abgeschiedenen Domizil am Großen Plöner See, das zum Teil zum evangelischen Jugendzentrum gehörte.
Während dieser Jahre arbeitete er intensiv, aber ohne öffentlich aufzutreten. Seine einzige Ausstellung zu Lebzeiten fand 1973 in der Galerie Schaumann in Essen statt. Damals beteiligte er sich außerdem an einer Jahresedition des Kunstrings des Museums Folkwang. Danach entschied er sich für völlige Zurückgezogenheit. Er erklärte, sein Stil sei noch nicht ausgereift. Dieses Schweigen entsprach einer Haltung, die in Japan als Ausdruck innerer Disziplin gilt. Einen Einblick in andere kulturelle Veranstaltungen mit japanischem Bezug bietet der Tag der Kultur im JDZB.
Fachwerkhäuser und Landschaften aus der Holsteinischen Schweiz
In der Stille der Holsteinischen Schweiz fand Hijiya neue Inspiration. Die sanften Hügel, die tiefen Seen und die ruhige Atmosphäre dieser Region verwandelte er in abstrakte Kompositionen. Er löste die Formen der Landschaft auf und ersetzte sie durch Wellenbewegungen und irisierende Farbflächen. Häufig spiegelte er die Motive an einer horizontalen Achse, wodurch symmetrische, fast meditative Strukturen entstanden.
Menschen sind in diesen Bildern nie zu sehen. Ebenso fehlt jeder Hinweis auf Tourismus oder Alltagsleben. Seine Naturdarstellungen sind reine Farb- und Formstudien. Ein besonderes Thema bildeten die Fachwerkfassaden Schleswig-Holsteins. Hijiya zeichnete sie präzise nach und machte sie zu eigenständigen Motiven. Fenster, Balken und Linien wurden zu grafischen Elementen, die sich rhythmisch wiederholten. Anders als die deutschen Romantiker interessierte ihn nicht der Blick aus dem Fenster, sondern das Fenster selbst.
Neben diesen Landschaften schuf Hijiya auch Porträts aus seinem Bekanntenkreis, die mit Elementen der Pop Art spielten. Diese Werke ergänzen die Berliner Ausstellung und zeigen, wie vielseitig sein Stil war. Wer in der Hauptstadt weitere japanische Kunst erleben möchte, kann sich die Yoko Ono Ausstellung im Gropius Bau ansehen.
Brückenschlag zwischen Ost und West
Hijiya verband in seinem Werk die Kulturen Japans und Europas. Seine Malerei steht in einer langen Tradition künstlerischen Austauschs. Nachdem Japan im 19. Jahrhundert seine Grenzen öffnete, gelangten japanische Drucke und Kunsthandwerk nach Europa. Sie beeinflussten die französischen Impressionisten und den Jugendstil. Diese Bewegung, die zunächst abwertend als Japonismus bezeichnet wurde, inspirierte viele westliche Künstler – und spiegelt sich auch in Hijiyas Bildern wider.
Typische Merkmale dieser Einflüsse sind: die Betonung von Linie und Fläche, der Verzicht auf Zentralperspektive und die kühne Draufsicht auf Motive. In Hijiyas Gemälden erscheinen diese Elemente in neuer Form. Seine Werke zeigen eine Balance zwischen östlicher Flächigkeit und westlicher Raumillusion. Durch diese Verbindung wurde Hijiya zu einem stillen Vermittler zwischen zwei Kunstwelten.
Nachlass und Ausstellung in Berlin
Nach seinem Tod sichteten seine Witwe Irmela Hijiya-Kirschnereit, Japanologin und Professorin an der Freien Universität Berlin, sowie der Schriftsteller Christoph Peters den umfangreichen Nachlass. Die Betreuung übernahm Michaela Schubert, Inhaberin der Galerie Mutare. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist die aktuelle Ausstellung, die erstmals das gesamte Spektrum seines Schaffens zeigt.
Das in Deutschland entstandene Œuvre umfasst etwa 500 Werke. Die Preise liegen zwischen 2400 und 4000 Euro, was die Seltenheit und handwerkliche Präzision dieser Arbeiten widerspiegelt. Die Ausstellung in Berlin ermöglicht einen neuen Blick auf einen Künstler, der Jahrzehnte im Verborgenen wirkte.
Mit dieser Präsentation wird ein Lebenswerk sichtbar, das über Jahrzehnte zwischen Stille und Perfektion reifte. Shuji Hijiya hat mit seiner Kunst eine leise, aber nachhaltige Brücke zwischen Ost und West geschaffen.
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Quelle: Tagesspiegel, Webrivaig
FAQ
Wer war Shuji Hijiya?
Shuji Hijiya war ein japanischer Maler, geboren 1942 im damals japanisch besetzten China. Er lebte später in Japan, Österreich und Deutschland und starb 2018 in Berlin. Seine Werke verbinden westliche und östliche Kunsttraditionen.
Wo findet die Ausstellung „Innige Landschaften“ statt?
Die Ausstellung wird in der Galerie Mutare in Berlin-Charlottenburg gezeigt, Giesebrechtstraße 12. Sie läuft bis zum 17. Januar und zeigt zum ersten Mal seit fünfzig Jahren Werke Hijiyas.
Welche Themen zeigen Hijiyas Gemälde?
Seine Werke zeigen Landschaften, Fachwerkhäuser aus Schleswig-Holstein sowie Porträts mit Einflüssen der Pop Art. Viele seiner Bilder verbinden Motive der europäischen Kunst mit japanischen Stilelementen.
Warum zog sich Shuji Hijiya aus der Öffentlichkeit zurück?
Nach seiner einzigen Ausstellung im Jahr 1973 in Essen zog er sich zurück, da er seinen Stil als noch nicht ausgereift betrachtete. Er lebte und arbeitete jahrzehntelang abgeschieden am Großen Plöner See.
Wer betreut den Nachlass des Künstlers?
Der Nachlass von Shuji Hijiya wird von seiner Witwe, der Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit, sowie der Galeristin Michaela Schubert betreut. Beide sorgen dafür, dass sein Werk der Öffentlichkeit zugänglich bleibt.
Wie viele Werke von Hijiya existieren?
Das in Deutschland entstandene Gesamtwerk umfasst etwa 500 Gemälde. Sie spiegeln die Entwicklung des Künstlers zwischen japanischer und europäischer Kunst wider.
Welche Öffnungszeiten hat die Galerie Mutare?
Die Galerie Mutare ist donnerstags und freitags von 13 bis 18 Uhr sowie samstags von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Vom 22. Dezember bis 2. Januar bleibt sie geschlossen.
Welche Künstler beeinflussten Hijiya?
Zu den wichtigsten Einflüssen zählen Sandro Botticelli, Paul Cézanne und Arnold Böcklin. Hijiya adaptierte deren Motive und interpretierte sie in seinem eigenen Stil neu.